Solvency-II-Reform: Die neuen Spielregeln für Versicherer

Reform & Debatte
11. August 2026

Pandemie, Zinswende, geopolitische Spannungen und die Folgen des Klimawandels haben die Risikolandschaft für Versicherer grundlegend verändert. Mit der Solvency-II-Reform reagiert die EU auf diese Entwicklungen und nimmt die umfassendste Überarbeitung des Regelwerks seit seiner Einführung vor: Die Reform verändert den Blick darauf, was einen stabilen Versicherer in Zukunft ausmacht.

Neben Kapitalstärke rücken Liquidität, Nachhaltigkeitsrisiken und Resilienz stärker in den Fokus. Doch warum ist die Reform weit mehr als ein weiteres Compliance-Projekt? Die Antwort ist klar: Weil sie über regulatorische Sicherheit hinausgeht, und Risiken heute anders aussehen als noch vor zehn Jahren. Wer die Reform nur als Pflichtübung betrachtet, riskiert, wichtige Chancen ungenutzt zu lassen. Weil sie über regulatorische Sicherheit hinausgeht. Wer die Reform nur als Pflichtübung betrachtet, riskiert, wichtige Chancen ungenutzt zu lassen.

Als Solvency II 2016 in Kraft trat, stand vor allem die Kapitalausstattung einzelner Versicherer im Fokus. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Stabilität mehr bedeutet als eine gute Solvenzquote – und sich die Marktrisiken enorm verändert haben. Genau hier setzt die Reform an. Sie verfolgt das Ziel, den europäischen Versicherungssektor weiter zu stärken, und reagiert auf drei zentrale Herausforderungen:

  • die hohe Kapitalvolatilität in Stressphasen,
  • die regulatorische Komplexität insbesondere für kleinere Versicherer und
  • die steigende Bedeutung von Umweltrisiken.

Über Compliance hinaus: Warum die Reform für Versicherer so wichtig ist

Entscheidend ist künftig nicht mehr nur, wie viel Kapital ein Versicherer vorhält. Die Reform lenkt den Blick der Aufsicht darauf, wie Unternehmen mit Krisen, Marktverwerfungen oder Klimarisiken umgehen und wie widerstandsfähig sie auf längere Sicht aufgestellt sind: Wie belastbar sind Geschäftsmodelle in Krisenzeiten? Wie gut können Unternehmen finanzielle Engpässe bewältigen? Welche wirtschaftlichen Folgen können Klimarisiken haben? Und wie schnell lassen sich Risiken erkennen, die nicht nur einzelne Versicherer, sondern den gesamten Markt betreffen?

Damit wird Solvency II zunehmend zu einem Thema der Unternehmenssteuerung. Wer Risiken jetzt nicht belastbar analysiert, Klimaszenarien nur dokumentiert, statt sie in Entscheidungen einzubinden oder Defizite in Reporting- und Steuerungsprozessen bestehen lässt, verfehlt nicht nur die regulatorischen Anforderungen. Er verzichtet auf Kapitalspielräume, die Wettbewerber bereits nutzen.

Die entscheidende Frage lautet nun: Welche Versicherer schaffen es, die neuen Anforderungen in einen Vorteil zu übersetzen – und welche verlieren an Wettbewerbsfähigkeit?

Mehr Spielraum beim Kapital – aber nicht für jedes Geschäftsmodell

Die Reform greift auch an einer zentralen Stellschraube des Geschäftsmodells: beim Kapital. Vereinfacht gesagt geht es darum, wie viel finanziellen Puffer Versicherer für schlechte Zeiten vorhalten müssen.

Die EU passt mehrere Berechnungsmethoden an – etwa bei der Bewertung langfristiger Verpflichtungen und der Risikomarge –, um Risiken realistischer abzubilden und gleichzeitig unnötige Belastungen für Unternehmen zu reduzieren. Davon profitieren allerdings nicht alle Versicherer gleichermaßen. Die größten Auswirkungen zeigen sich bei Lebens- und Krankenversicherern, weil sie häufig langfristige Verpflichtungen haben, die sich über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte erstrecken. Genau diese langfristigen Risiken stehen im Mittelpunkt einiger wesentlicher Reformelemente. Deshalb können sich ihre Solvenzquoten deutlich stärker verbessern als die von Schaden- und Unfallversicherern, deren Verpflichtungen meist deutlich kürzer laufen.

Warum das wichtig ist? Die Solvenzquote gilt als eine Art Gradmesser für die finanzielle Widerstandsfähigkeit eines Versicherers. Verbessert sie sich, steigt in der Regel auch die Flexibilität bei Investitions- und Geschäftsentscheidungen. Entwickelt sie sich schwächer als bei Wettbewerbern, kann das den Spielraum des Unternehmens einschränken und die Wahrnehmung durch Aufsicht, Investoren oder Ratingagenturen beeinflussen. Genau deshalb sind Solvenzquoten weit mehr als eine regulatorische Kennzahl. Sie können mit darüber entscheiden, wie handlungsfähig ein Versicherer künftig ist.

Langfristige Investitionen gewinnen an Attraktivität

Versicherer investieren einen Teil ihrer Beiträge am Kapitalmarkt, und viele dieser Anlagen werden über Jahre gehalten. Bisher wurden solche langfristigen Investitionen aus regulatorischer Sicht nicht immer anders behandelt als kurzfristige Anlagen. Genau das soll sich ändern: Künftig können Versicherer unter bestimmten Voraussetzungen von geringeren Kapitalanforderungen profitieren, wenn sie nachweisen können, dass sie bestimmte Beteiligungen langfristig halten.

Die Entlastungen sind jedoch an klare Anforderungen geknüpft – bspw. bei Governance und Nachweisführung. Versicherer müssen gegenüber der Aufsicht nachvollziehbar darlegen können, wie sie Anlagen steuern und welche Risiken damit verbunden sind. Nur wer diesen Anspruch erfüllt, kann von den neuen Regelungen profitieren.

Solvenz allein reicht nicht mehr aus

Die Reform macht außerdem deutlich: Ein Versicherer kann auf dem Papier sehr solide dastehen und trotzdem unter Druck geraten, wenn in einer Krisensituation nicht genügend finanzielle Mittel sofort verfügbar sind. Genau deshalb rückt die Aufsicht das Thema Liquidität stärker in den Fokus. Vereinfacht gesagt geht es um die Frage: Kann ein Versicherer seine Verpflichtungen jederzeit erfüllen – auch dann, wenn sich Rahmenbedingungen plötzlich ändern?

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass eine gute Kapitalausstattung allein dafür nicht immer genug ist. Versicherer müssen deshalb genauer nachweisen, wie sie auch in schwierigen Situationen zahlungsfähig bleiben. Dazu gehören u. a. belastbare Liquiditätspläne und Analysen, wie sich unterschiedliche Stressszenarien auf das Unternehmen auswirken würden. Für das Risikomanagement bedeutet das einen Perspektivwechsel. Nicht nur die langfristige Kapitalstärke zählt, sondern auch die Fähigkeit, auf unerwartete Entwicklungen schnell zu reagieren.

Gleichzeitig erhält die Aufsicht mehr Möglichkeiten, einzugreifen. In bestimmten Situationen kann sie z. B. Ausschüttungen oder Bonuszahlungen begrenzen, um die Stabilität eines Unternehmens sowie des Marktes zu schützen.

Klimarisiken werden Teil der Kernsteuerung

Besonders deutlich zeigen sich die Neuerungen auch bei Nachhaltigkeits- und Klimarisiken. Was lange als ergänzendes Nachhaltigkeitsthema behandelt wurde, wird nun noch stärker in die regulatorischen Anforderungen integriert.

Versicherer müssen künftig mindestens zwei Klimaszenarien analysieren: eines für eine Entwicklung, in der die globale Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius begrenzt werden kann, und eines für eine Entwicklung mit einer Erwärmung von mehr als zwei Grad Celsius. Ziel dieser Szenarioanalysen ist es, die möglichen Auswirkungen unterschiedlicher Klimaentwicklungen auf das Unternehmen frühzeitig zu bewerten. Die Ergebnisse fließen in das Own Risk and Solvency Assessment (ORSA) ein und werden damit Teil der Risikosteuerung.

Wer Klimarisiken künftig lediglich dokumentiert, ohne sie in Risikomanagement, Kapitalanlagen oder Geschäftsstrategie zu berücksichtigen, riskiert nicht nur kritische Nachfragen der Aufsicht. Im schlimmsten Fall werden Risiken zu spät erkannt – und Entscheidungen getroffen, die sich später als kostspielig erweisen.

Mehr Transparenz für unterschiedliche Zielgruppen

Auch die Berichterstattung wird neu ausgerichtet. Der Solvency and Financial Condition Report (SFCR) soll unterschiedliche Zielgruppen besser ansprechen. Neben einer detaillierten Fassung für Fachleute wird eine vereinfachte Version für Versicherungsnehmer*innen eingeführt. Informationen über die finanzielle Lage eines Versicherers sollen dadurch verständlicher und zugänglicher werden.

Zudem erhalten Versicherer mehr Zeit für die Erstellung dieses Berichts. Die Frist für die Veröffentlichung des SFCR verlängert sich von 14 auf 18 Wochen nach dem Bilanzstichtag. In Deutschland bleibt darüber hinaus ein wichtiger Baustein der externen Kontrolle bestehen: die Prüfung der sogenannten Solvabilitätsübersicht durch Wirtschaftsprüfer*innen. Dabei handelt es sich vereinfacht gesagt um die zentrale Übersicht über die Finanzstärke eines Versicherers. Sie zeigt, ob ausreichend Eigenmittel vorhanden sind, um regulatorische Anforderungen und mögliche Risiken abzudecken.

Mehr Zeit bedeutet allerdings nicht automatisch weniger Druck. Die Aufsicht erwartet weiterhin vollständige, nachvollziehbare und belastbare Daten. Wer Informationen nicht fristgerecht oder nicht in der erforderlichen Qualität bereitstellen kann, muss mit kritischen Feststellungen im Prüfungs- und Aufsichtsprozess rechnen.

Kleine Versicherer werden entlastet, internationale Gruppen stärker überwacht

Ein weiterer Schwerpunkt der Reform ist die stärkere Berücksichtigung von Größe und Komplexität der Unternehmen. Für kleine und nicht komplexe Versicherer werden klarere Kriterien geschaffen, die vereinfachte Anforderungen bei Governance, Berichterstattung und Berechnungen ermöglichen. Damit soll der regulatorische Aufwand dort sinken, wo die Risiken überschaubar sind.

In die andere Richtung bewegt sich die Reform bei internationalen Versicherungsgruppen. Aufsichtsbehörden überwachen grenzüberschreitende Tätigkeiten künftig intensiver. Der Datenaustausch wird ausgeweitet, gemeinsame Vor-Ort-Prüfungen gewinnen an Bedeutung und Transparenzanforderungen steigen.

Für internationale Gruppen bedeutet das vor allem eines: Die Anforderungen an Koordination, Datenverfügbarkeit und Governance werden weiter zunehmen. Unklare Verantwortlichkeiten oder lückenhafte Datenflüsse könnten schneller zu Beanstandungen führen, wenn mehrere Aufsichtsbehörden beteiligt sind.

Die eigentliche Herausforderung beginnt nach der Umsetzung

Die Solvency-II-Reform ist weit mehr als ein regulatorisches Update. Sie beeinflusst, wie widerstandsfähig und handlungsfähig Versicherer im Markt sind. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die neuen Vorgaben umgesetzt werden – sondern wie gut Versicherer die Reform nutzen, um ihre Kapitalsteuerung, ihr Risikomanagement und ihre Governance weiterzuentwickeln. Wer das Thema strategisch und rechtzeitig angeht, schafft regulatorische Sicherheit und stärkt auch die eigene Wettbewerbsposition.

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