Digitalisierung und KI: Herausforderungen für die Wirtschaftsprüfer-Ausbildung

Digitalisierung & Innovation
19. Mai 2026

Die Wirtschaftsprüfung erlebt die tiefgreifendste Transformation seit Jahrzehnten, getrieben von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (KI). Die Einsatzmöglichkeiten von KI-Tools reichen über den gesamten Prüfungsprozess – von der automatisierten Analyse großer Datenmengen bis zur KI-gestützten Berichterstattung. Dieser Wandel betrifft alle Facetten des Berufs: Künstliche Intelligenz verändert den Prüfungs- und Beratungsalltag – und damit auch die Anforderungen an die Branche. Digitale Kompetenzen werden grundlegend, Routinetätigkeiten entfallen und neue Rollenbilder entstehen. Was bedeutet das für Ausbildung, Praxis und Governance?

Lernkurve im Wandel: Verantwortung statt Routine

In der Praxis verändert KI die Art des Lernens. Früher begann der Nachwuchs oft mit Routinearbeiten: Belege sortieren, Zahlen abgleichen, Listen führen – Tätigkeiten, bei denen man „das Handwerk von der Pike auf“ lernte. Diese klassischen Einstiegsaufgaben werden nun zunehmend automatisiert und entfallen sogar teilweise.

Es ist deshalb weiterhin wichtig, nachwachsenden Talenten adäquate Chancen zu bieten, ein umfassendes Grundverständnis der Zusammenhänge von Geschäftsmodellen sowie deren Abbildung in Rechnungswesen und Bilanzierung zu vermitteln. Denn dieses Wissen ist nach wie vor fundamental – letztlich natürlich auch für die Beurteilung von KI-Ergebnissen.

Die Arbeit mit KI eröffnet dabei auch viele Möglichkeiten: Die neue Generation kann schneller Verantwortung und auch anspruchsvollere Aufgaben übernehmen. Spannende Bereiche, in die sie in der Vergangenheit häufig erst zu einem späteren Zeitpunkt Einblick fand. Sie analysiert Daten, prüft und bereitet Ergebnisse auf. Die Fähigkeit, betriebswirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und dabei digitale Tools adäquat zu nutzen, wird zum entscheidenden Karrierefaktor.

Internationale WP-Gesellschaften haben zum Teil bereits reagiert: Klassische Einstiegsprogramme werden verkleinert – nicht nur wegen Wirtschaftsabschwüngen, sondern eben auch, weil KI viele klassische Junior-Tätigkeiten übernimmt. Es ist daher vor allem mit einer Verschiebung der Aufgabenbereiche und Rollen zu rechnen, nicht gleichermaßen auch mit einem radikalen Abbau der Stellenangebote für Berufseinsteiger*innen. Darauf reagieren mittlerweile auch Hochschulen und Ausbildungsanbieter. So bietet das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) Fortbildungen zur Nutzung digitaler Tools in der Abschlussprüfung an, und es entstehen neue duale Studiengänge, die Accounting und Data Science verknüpfen.

KI-Einfluss auf die Ausbildung: Digitale Kompetenzen werden Pflichtfach

Die Ausbildung von Wirtschaftsprüfern erlebt einen Paradigmenwechsel. Das traditionell bereits sehr anspruchsvolle Wirtschaftsprüferexamen integriert nun zusätzlich auch digitale Fähigkeiten in den Grundvoraussetzungen.

  • Künftige Prüfergenerationen beherrschen dann nicht nur HGB, IFRS und Steuergesetze, sondern auch Datenanalyse-Tools, KI-Grundlagen und IT-Kontrollen.
  • Themen wie Programmierung, Datenbankkenntnisse und IT-Audit ergänzen zunehmend den klassischen Kanon aus Rechnungslegung und Prüfung.
  • Detailliertes Technik-Know-how muss nicht zwingend mitgebracht werden – im Bedarfsfall können Spezialist*innen hinzugezogen werden – aber ohne fundierte digitale Basiskompetenz geht es nicht mehr.

Strukturwandel in Prüfungsgesellschaften: Von der Pyramide zum Spezialisten-Netzwerk

Die Digitalisierung zwingt WP-Gesellschaften dazu, auch ihre Strukturen und Geschäftsmodelle zu überdenken. Traditionell folgte die Personalstruktur dem Modell einer Pyramide: unten viele Assistent*innen für Fleißarbeiten, oben wenige Verantwortliche. KI verändert dieses Modell zunehmend, indem sie Routinetätigkeiten abnimmt und Prüfungsteams verschlankt. In der Folge werden weniger Prüfungsassistent*innen in Einstiegspositionen benötigt – stattdessen steigen Nachwuchskräfte vermehrt direkt in spezialisierten Rollen ein, etwa als Data Analyst*innen, IT-Prüfer*innen oder ESG-Expert*innen.

KI verändert etwas innerhalb der Organisation, wird aber kein Ersatz für menschliche Prüfer*innen sein. Audit bleibt menschengetrieben, der Einsatz von KI kann stattdessen als Produktivitäts- und Qualitätstool wahrgenommen werden. Es entstehen interne „KI-Labore“ und „Centers of Excellence“: bereichsübergreifende Teams, die KI-Anwendungen entwickeln und erproben. Viele Prüfungshäuser haben bereits Pilotprojekte oder Innovations-Programme eingeführt. Dort wird auf interdisziplinäre Zusammenarbeit gesetzt – Wirtschaftsprüfer*innen arbeiten Hand in Hand mit Data Scientists und IT-Spezialist*innen, um passgenaue Lösungen für den Prüfungsprozess zu entwickeln. Dies gilt auch für die nahen Disziplinen wie Unternehmensbewertung und Due Diligence-Prüfungen. Auch hier spielen Datenanalyse-Tools zur Verarbeitung von Marktinformationen und deren Integration in den Analyse-Prozess eine zunehmende Rolle.

Governance rückt in den Fokus

Das Qualitätsmanagement wandert ins Zentrum des Strukturwandels: Führende Unternehmen verzahnen ihre Technologie-Investitionen mit Governance-Strukturen, um die wachsenden Anforderungen der KI-Regulierung zu erfüllen. So werden interne KI-Richtlinien erlassen und die Nutzung neuer Tools in die internen Qualitätssicherungssysteme integriert.

Ein Beispiel: Bevor ein Machine Learning-Tool im Mandat flächendeckend eingesetzt wird, braucht es eine klare Definition, für welche Zwecke es erlaubt ist, wie die Einhaltung von Berufspflichten sichergestellt wird und wie man die Ergebnisse dokumentiert. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch der sensible Umgang mit Daten vor dem Hintergrund der Berufspflicht zur Verschwiegenheit.

Die Organisationskultur muss sich parallel entwickeln – weg von der starren Trennung zwischen klassischen Prüfungs- und IT-Abteilungen, hin zu agilen, technologieaffinen Teams. Mittelgroße Gesellschaften haben hier teilweise einen Agilitätsvorteil: Sie können neue Themen wie KI oder ESG schneller in die Praxis umsetzen, weil Entscheidungswege kürzer und Strukturen flexibler sind.

Um den richtigen Umgang mit KI sicherzustellen, müssen die WP-Gesellschaften also früh ansetzen. Wie in vielen anderen Berufsbildern auch, ist der Einfluss von Technologie prägend für die weitere Entwicklung der Branche und der Nachwuchsförderung – auch, um weiterhin im internationalen Vergleich bestehen zu können.

Prüfungsreform und Nachwuchsförderung: die Rolle der WPK

Die WPK engagiert sich dafür, das WP-Examen praxisnäher und zukunftsfähiger zu gestalten. Dazu zählen neben der bereits erfolgten Modularisierung des WP-Examens auch die Integration von Nachhaltigkeitsthemen sowie eine Reduktion der Prüfungsfächer und Klausuren in manchen Prüfungsgebieten. Ebenso schlägt die WPK vor, in Studium und Examensvorbereitung vermehrt IT- und KI-Inhalte einzubinden und die Fortbildungspflicht entsprechend auszugestalten.

Denn die neue EU-KI-Verordnung (AI Act) verpflichtet dazu, nur Personal mit „ausreichendem Maß an KI-Kompetenz“ einzusetzen. Für WP-Unternehmen bedeutet das, Schulungen und klare Richtlinien zur KI-Nutzung einzuführen, damit alle Mitarbeiter*innen wissen, wie KI-Tools funktionieren und verantwortungsvoll angewendet werden.

Herausforderungen in der Aus- und Fortbildung von Wirtschaftsprüfer*innen – und Wege ihnen, erfolgreich zu begegnen

  • Herausforderung:  Wegfall klassischer Einstiegsaufgaben durch Automatisierung
    Empfehlung: Neue Lernformate wie simulationsbasierte Trainings, Case Studies mit KI-Tools und projektbasierte Prüfungsaufgaben werden eingeführt, um praktische Erfahrung zu sichern. Die Ausbildung muss stärker auf analytisches Denken, die Interpretation von KI-Ergebnissen und kritische Reflexion ausgerichtet werden.
  • Herausforderung:  Fehlende digitale Grundkompetenz im Nachwuchs
    Empfehlung: Digitale Inhalte müssen frühzeitig in Studium und Examensvorbereitung integriert werden. Hochschulen und Anbieter von Vorbereitungskursen sollten verpflichtende Module zu Datenanalyse, KI-Grundlagen und IT-Kontrollen einführen.
  • Herausforderung:  Mangel an qualifizierten Ausbilder*innen mit KI-Know-how
    Empfehlung: Dozent*innen und Prüfer*innen müssen gezielt fortgebildet werden. Programme zur Qualifizierung von Lehrpersonal können sicherstellen, dass die Vermittlung digitaler Inhalte auf hohem Niveau erfolgt.
  • Herausforderung: Stärkere Verankerung von Ethik und Verantwortung im Umgang mit KI
    Empfehlung:  Ethikmodule werden Bestandteil der Aus- und Fortbildung – mit Fokus auf den verantwortungsvollen Einsatz von KI, Transparenz, Fairness und Datenschutz.

Fazit:

Abschließend lässt sich sagen: KI ist kein Bedrohungsszenario, sondern ein Gestaltungsauftrag für den Berufsstand und damit auch für die Aus- und Fortbildung. Wer sie klug einsetzt, optimiert den Prüfungs- und Beratungsalltag nachhaltig und wird helfen, die Attraktivität des Berufs zu steigern. Dabei ist es entscheidend, den Rahmen vorzugeben: klare Spielregeln, hohe Qualität, ständige Weiterqualifizierung. Es genügt nicht, Tools nur einzuführen – es braucht ein neues Verständnis von Lernen, Lehren und Verantwortung. Die Wirtschaftsprüfung im KI-Zeitalter wird weiterhin den Menschen im Zentrum haben – aber einen, der mit exzellenter Ausbildung und besten digitalen Werkzeugen gerüstet ist, um seine Aufgabe zu erfüllen.

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Über Susann Ihlau Susann Ihlau ist Partnerin, Wirtschaftsprüferin, Steuerberaterin und Diplom-Kauffrau bei Forvis Mazars mit Sitz in Düsseldorf. Ihr fachlicher Schwerpunkt liegt auf Unternehmensbewertung und Transaktionsberatung, Financial Due Diligence, Purchase Price Allocation, Impairment-Tests, Fairness Opinions sowie ESG-Aspekten im M&A-Prozess. 2022 wurde Susann Ihlau in den Vorstand der WPK gewählt. In dieser Funktion verfolgt sie insbesondere die Schwerpunkte Nachwuchsförderung und -entwicklung sowie KI in der Wirtschaftsprüfung. Im Juni 2026 stellt sie sich wieder zur Wahl, um ihre Arbeit in der WPK fortzusetzen.

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