Hybrides Computing: Der Königsweg zur digitalen Transformation?
Hybrides Computing verbindet lokale IT-Systeme mit externen Cloud-Diensten. Der Ansatz gilt als zukunftsweisend für Unternehmen, die bei der Datenauswertung Flexibilität, Effizienz und Sicherheit miteinander vereinen möchten. Auch in der Wirtschaftsprüfung eröffnet er Chancen – doch es gibt auch Risiken.
Die Menge an Informationen steigt von Tag zu Tag. Mit der Datenflut wachsen auch die Anforderungen an die IT-Infrastrukturen in den Unternehmen. Denn diese sollen die Informationen schließlich schützen und auswerten – am besten effizient, wirtschaftlich und möglichst flexibel. Das Problem: Die lokalen IT-Architekturen stehen vielerorts bereits am Rande ihrer Kapazitäten. Chancen, die in der KI-gestützten Informationsbearbeitung liegen, bleiben so weitgehend ungenutzt.
Zwar sind die lokalen IT-Systeme gut geeignet, um die datenschutzrechtlichen Anforderungen umzusetzen. Doch sind sie vergleichsweise teuer und bleiben bei den Analysemöglichkeiten hinter der technologischen Entwicklung zurück. Anders die Cloud-Dienste: Mit ihren Tools könnten die hiesigen Unternehmen durchaus die nötige Flexibilität und Agilität entwickeln, die sie beim Umgang mit ihren Informationen so dringend benötigen. Das Problem: Viele befürchten, dass sie die alleinige Souveränität über ihre sensiblen Daten an die Cloud-Anbieter verlieren könnten, wenn sie die externen Services nutzen. Damit scheidet auch diese Option für den überwiegenden Teil der deutschen Unternehmen aus.
Was es braucht, ist daher ein System, das den Schutz der Daten gewährleistet und gleichzeitig ihre flexible und effiziente Analyse ermöglicht. Die gute Nachricht: Eine solche Lösung könnte bereits gefunden sein. Hybrid Computing heißt die Technologie, die wirtschaftliche Effizienz mit regulatorischer Sicherheit versöhnen will. Erste Unternehmen nutzen die Technologie bereits – und erzielen Erfolge damit.
Hybrides Computing: Zwei Welten, unendliche Möglichkeiten
Hybrides Computing verknüpft die Vorteile von „On-Premise-Systemen“ mit denen externer Cloud-Dienste. Als On-Premise-Systeme werden IT-Lösungen auf der Basis lokal betriebener Hard- und Software verstanden – Systeme also, wie sie bei vielen deutschen Unternehmen üblich sind. Beim hybriden Computing werden Cloud- und On-Premise-Ansätze miteinander vereint: Sensible Informationen verbleiben in der sicheren Umgebung des lokalen Rechenzentrums, während weniger kritische Daten in der Cloud bearbeitet werden. Eine hybride IT-Infrastruktur ist somit weder vollumfänglich zentralisiert noch einseitig an einen externen Dienstleister ausgelagert.
Die konkrete Ausgestaltung hybrider Strukturen fällt von Unternehmen zu Unternehmen höchst unterschiedlich aus. So kann ein solches Mischsystem aus der Verknüpfung nur einer Cloud-Anwendung mit dem lokalen Rechenzentrum bestehen – wenn etwa das E-Mail-Programm oder das Datenarchiv der Cloud genutzt wird. Es kann aber auch zu einer hochgradig vernetzten Umgebung führen, in der die eigenen Steuerungssysteme eng mit cloudbasierten KI-Diensten verzahnt sind. Für welches Integrationsniveau sich ein Unternehmen entscheidet, ist abhängig von seiner Strategie, dem regulatorischen Umfeld und den Ressourcen der jeweiligen Organisation.
Erste Erfolge: Vom E-Commerce bis zur Finanzbranche
Hybrides Computing hat sich bereits in zahlreichen Branchen etabliert. So buchen viele E-Commerce-Anbieter in ihren saisonalen Peak Seasons zusätzliche Rechnerkapazitäten auf der Cloud, um die eigenen Systeme nicht zu überlasten. Das Vorgehen ergibt Sinn, denn auf diese Weise sparen sich die Online-Unternehmen Investitionen in eine teure Hardware, die sie lediglich in kurzen Boomphasen nutzen würden. Auch viele Forschungseinrichtungen haben den wirtschaftlichen Nutzen hybrider Infrastrukturen für sich entdeckt. Sie bearbeiten in der Regel zwar einen Teil ihrer Rohdaten auf eigenen lokalen Systemen, rechenintensive Simulationen lagern sie aus Gründen der Kosteneffizienz aber in die Cloud aus.
Im Gesundheitswesen erlauben es die hybriden Systeme, die strengen Datenschutzvorgaben einzuhalten, ohne auf die Forschung zum Wohle der Patienten verzichten zu müssen. Während die Zugriffsrechte für personenbezogene Informationen auf den lokalen Servern somit eingeschränkt ist, werten cloudbasierte und oftmals KI-gestützte Tools unbedenkliche Datensätze aus, um Therapie und Diagnostik zu verbessern. Auf ähnliche Weise profitiert auch die stark regulierte Finanzbranche vom Hybrid Computing: Die Institute erfüllen die gesetzlichen Datenhaltungs-Anforderungen, indem sie auf On-Premise-Systemen speichern, während sie die cloudbasierten Analysesysteme gleichzeitig für komplexe Risikobewertungen und zur Erstellung von Berichten nutzen.
Wirtschaftsprüfung: Sicherheit und Effizienz im Audit-Prozess
Hohes Potenzial hat das hybride Computing auch für Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (WPG). Es bietet ihnen einerseits die Möglichkeit, sensible Mandantendaten – etwa Buchungssätze, Rechnungsbelege oder Steuerunterlagen – auf den sicheren WPG-Servern abzulegen. Gleichzeitig setzen Abschlussprüfer*innen zunehmend cloudbasierte Dienste ein, die es erlauben, Audit-Prozesse effizienter zu gestalten. So lassen sich große Datenmengen heute gezielt und ortsunabhängig mithilfe intern entwickelter, notfalls aber auch durch externe, marktverfügbare Cloud-Services auswerten. Zudem stehen Tools bereit, mit denen sich Anomalien besser und schneller erkennen lassen, etwa bei der Kontrolle von ERP-Systemen (ERP: Enterprise Resource Planning).
Abschlussprüfungen sind immer Teamarbeit. Vor allem die Audits internationaler Konzerne erfordern das Zusammenspiel zahlreicher Prüfer*innen und Expert*innen. Da diese in der Regel weltweit an unterschiedlichen Standorten tätig sind, kann die Koordinations- und Abstimmungsarbeit für die verantwortlichen Prüfer*innen zu einer echten Herausforderung werden. Vereinfachen lässt sich der Prozess durch den Einsatz von Cloud-Technologien. Zwar verfügen die meisten größeren WPG über eigene, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Plattformen. Manchmal kann es aber auch sinnvoll sein, allgemein verfügbare Services wie beispielsweise Microsoft OneDrive und SharePoint zu nutzen. Tools wie diese ermöglichen es den Prüfer*innen, ihren internen Teammitgliedern und den externen Expert*innen, Hand in Hand an ein und derselben Sache zu arbeiten – in Echtzeit und von mehreren Standorten aus.
Chancen und Risiken: Ein Balanceakt
Wie alle Innovationen hält auch das hybride Computing für seine Nutzer*innen Chancen und Risiken bereit. So zeichnet sich die Technologie auf der einen Seite zwar durch fünf zentrale Vorteile aus, doch diesen lassen sich fünf ebenso gewichtige Herausforderungen gegenüberstellen. Ob die Vorteile oder Nachteile am Ende das Rennen machen, hängt von den Präferenzen des jeweiligen Unternehmens ab. Zahlreiche Faktoren wirken darauf ein, etwa die Branchenzugehörigkeit, die vorhandene IT-Architektur, strategische Überlegungen oder auch die aktuelle wirtschaftliche Situation.
Folgende fünf Chancen ergeben sich durch die Installierung einer hybriden IT-Infrastruktur:
- Flexibilität und Skalierbarkeit: IT-Ressourcen lassen sich temporär und ohne eigene Investitionen in der Cloud nutzen – von Vorteil ist das insbesondere in volatilen Märkten.
- Kostenoptimierung: Das Pay-per-Use-Modell der Cloud-Anbieter reduziert Fixkosten und erlaubt eine präzise Steuerung der IT-Ausgaben.
- Datensouveränität: Sensible Informationen können auf den lokalen Servern gespeichert werden und bleiben so unter voller Kontrolle.
- Ausfallsicherheit: Die Kombination von lokalen und externen IT-Infrastrukturen erhöht die Resilienz gegenüber Systemstörungen.
- Technologische Offenheit: Unternehmen können cloudbasierte Innovationen – etwa aus dem KI-Bereich – parallel zu ihren lokalen Anwendungen einsetzen.
Auf der anderen Seite der Waagschale sind die Risiken zu berücksichtigen. Wer das Beste zweier Welten für das eigene Unternehmen nutzen will, sollte sich dieser Herausforderungen bewusst sein:
- Technische Komplexität: Die Einrichtung stabiler Schnittstellen zwischen dem lokalen IT-System und der Cloud erfordert einen hohen technischen Sachverstand und kontinuierliche Kontrolle.
- Sicherheit: An der Schnittstelle zwischen dem On-Premise-System und der Cloud entstehen Angriffsflächen – ein durchdachtes Sicherheitskonzept zur Abwehr von Cyberattacken ist daher notwendig.
- Regulatorische Anforderungen: Es muss sichergestellt werden, dass alle genutzten IT-Systeme die geltenden Datenschutzgesetze einhalten.
- Kostenfallen: Unzureichendes Monitoring kann zu unerwarteten Ausgaben führen, etwa durch ungenutzte Cloud-Kapazitäten oder ineffiziente Datenübertragungen.
- Abhängigkeit von Anbietern: Durch Lizenzverträge oder eine eingeschränkte Kompatibilität zu anderen Cloud-Lösungen kann der Systemwechsel erschwert werden.
Fazit: Hybrid Computing macht digitale Modernisierung möglich
Bei der digitalen Transformation gibt es kein Entweder-oder. Weder liegt die Zukunft der Unternehmen allein in der Cloud, noch sind lokale Systeme die einzige Lösung. Das gilt insbesondere für Branchen, in denen Datenschutz und Effizienzgewinne gleichermaßen wichtig sind – die Wirtschaftsprüfungsbranche ist dafür ein passendes Beispiel. Hier bringt das hybride Computing die hohen Sicherheitserfordernisse mit dem Streben nach einem effizienten, qualitativ hochwertigen Audit in Einklang. Auch branchenübergreifend dürfte die intelligente Kombination der beiden Prinzipien für viele Unternehmen eine geeignete Strategie formulieren, um die digitale Modernisierung einzuleiten. Erste Erfolge erzielen die Unternehmen hierbei bereits.
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