Joint-Audit-Serie, Teil 2: Joint Audits für mehr Vielfalt auf dem Prüfermarkt

Reform & Debatte

Der deutsche Abschlussprüfermarkt ist heute durch die hohe Dominanz von vier vorherrschenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, den sogenannten Big Four, gekennzeichnet: PwC, KPMG, EY und Deloitte. Dass diese hohe Marktkonzentration durch den Mangel an Wettbewerb die Qualität der Abschlussprüfung beeinträchtigen kann, ist seit dem Wirecard-Fall noch klarer geworden.

Es mag auf den ersten Blick so aussehen, als ob vier große Marktakteure ausreichend seien, um Marktvielfalt zu gewährleisten. Dies ist jedoch aufgrund der besonderen Rahmenbedingungen des Prüfermarktes nicht der Fall: Gesetzliche Vorschriften zur Pflichtrotation schränken die Prüferauswahl ebenso ein wie Regeln, die verhindern, dass ein Unternehmen gleichzeitig von ein und derselben Gesellschaft beraten und geprüft wird. Vor diesem Hintergrund kann der Markt schnell sehr eng werden; Unternehmen stehen bei der Auswahl ihres Prüfers vor einer „Lack of Choice“.

Folglich bedarf es eines stärker diversifizierten Marktes für Abschlussprüfung, nicht zuletzt zur Steigerung der Prüfungsqualität. Die Erfahrungen in Frankreich haben gezeigt, dass das Joint Audit, das 4-Augen-Prinzip der Wirtschaftsprüfung, ein geeignetes Instrument ist, um neue Player auf dem Markt zu etablieren und einen Prüfermarkt mit hoher Wettbewerbsintensität zu erreichen. Im Rahmen der geplanten Gesetzgebung stehen deshalb Joint Audits auch in Deutschland und auf EU-Ebene wieder auf der Agenda.

Was ein Joint Audit ist, lesen Sie in Teil 1 unserer Joint-Audit-Serie.

Im zweiten Teil beleuchten wir das Thema Marktkonzentration, die Folgen für den Abschlussprüfermarkt und Unternehmen sowie Auswirkungen der Einführung von Joint Audits. 

Eine kurze Geschichte der Marktkonzentration: Aus acht werden vier

Seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich der Abschlussprüfermarkt weltweit immer stärker konzentriert. In nur 16 Jahren – zwischen 1986 und 2002 – hat sich die Anzahl der großen Prüfungsgesellschaften von acht auf vier verringert. Nach der ersten Großfusion auf dem Prüfermarkt zwischen PMI (Peat Marwick International) und KMG (Klynveld Main Goerdeler) zur heutigen KPMG Mitte der 80er Jahre ist der Begriff der Big Eight entstanden. Es folgten zwei weitere Megafusionen, aus denen Ernst & Young und Deloitte hervorgingen. Aus den Big Eight wurden die Big Six, die ca. ein Jahrzehnt lang den Prüfermarkt dominierten.

Nach der Fusion von Price Waterhouse mit Coopers & Lybrand zur heutigen PwC Ende der 90er Jahre bildeten sich die Big Five heraus. Im Anschluss an den Zusammenbruch von Arthur Andersen im Jahr 2002 im Zusammenhang mit dem Enron-Bilanzskandal wurde die Wirtschaftsprüfungspraxis des Unternehmens in erster Linie zwischen den Big-Five-Kollegen Ernst & Young und Deloitte aufgeteilt. Seit nunmehr 20 Jahren prägen die Big Four in ihrer heutigen Konstellation den Prüfermarkt. Vor dem Hintergrund des Wirecard-Falls werden in bestimmten Konstellationen aus den Big Four bereits die Big Three.

Trotz politischer Bemühungen: „Lack of Choice“ ist bis heute ein Problem

Schon vor mehr als zehn Jahren hat die EU-Kommission es deutlich herausgearbeitet: Ein zu stark konzentrierter Markt schadet dem Wettbewerb und somit der Qualität der Abschlussprüfung. Die Finanzkrise im Jahr 2008 und die vorangegangenen Bilanzskandale hatten seinerzeit eine Reform der Abschlussprüfung innerhalb der EU notwendig gemacht, da nach Auffassung der EU-Kommission die Abschlussprüfer für das Entstehen der Krise mitverantwortlich waren. In ihrem Grünbuch aus dem Jahr 2010 hatte die EU-Kommission die starke Anbieterkonzentration innerhalb der EU ausdrücklich kritisiert. Der damalige Binnenmarktkommissar Michel Barnier forderte auf der Konferenz Financial Reporting and Auditing: A time for change? im Jahr 2011, man müsse den geprüften Unternehmen mehr Auswahl bieten.

Neben der Pflichtrotation des Abschlussprüfers nach einer bestimmten Anzahl von Jahren schlug die EU-Kommission in ihrem Grünbuch auch die Durchführung von obligatorischen Joint Audits zur Dynamisierung des Wettbewerbs am Prüfermarkt vor. Im Juni 2014 verabschiedete die EU-Kommission eine finale – wenn auch im Vergleich zum Grünbuch und Verordnungsvorschlag wesentlich weniger ambitionierte – EU-Abschlussprüferverordnung: mit freiwilligen Joint Audits als Anreiz, jedoch nicht als Pflicht.

Auch wenn diese Reform in die richtige Richtung wies, hat sie keine Diversifizierung des Prüfermarktes erreicht. Zu diesem Schluss kommt sowohl das EU-Parlament in seinem Bericht EU Statutory Audit Reform – Impact on costs, concentration and competition aus dem Jahr 2019 als auch die aktuelle Studie „Monitoring the Audit Market in Europe“ des unabhängigen Informationsdienstes Audit Analytics von Ende 2020.

Joint Audits für mehr Wettbewerb und einen resilienten Prüfermarkt

Die meisten Prüfungsgesellschaften – nicht nur die Big Four – sind inzwischen auch im Beratungssegment tätig, das mittlerweile den größten Teil des Wachstums der Big Four ausmacht. Um sicherzustellen, dass keine Interessenkonflikte entstehen, gibt es Regelungen, die verhindern, dass ein Unternehmen gleichzeitig von ein und derselben Gesellschaft geprüft und beraten wird.

Diese an sich sinnvollen Vorschriften haben aber negative Auswirkungen auf den Wettbewerb. Da gerade die Big Four bei großen Unternehmen oftmals auch als Berater im Einsatz sind, fallen sie bei einer Neuausschreibung der Prüfungsmandate als Bewerber aus. Bei einem anstehenden Prüferwechsel kann es aus Unabhängigkeitsgründen daher vorkommen, dass faktisch nur noch eine, in seltenen Fällen auch gar keine Big-Four-Gesellschaft tatsächlich in Frage kommt. Besonders angesichts der verpflichtenden Rotation ist dies eine kritische Entwicklung.

Bei einem dann sehr engen Markt ist es bei Interessenkonflikten umso wichtiger, dass Unternehmen eine breite Auswahl bei ihren Prüfern haben. Dies ist nur möglich, wenn auch Challenger Zutritt zum Markt haben. Durch Joint Audits können sie nach und nach wachsen und die nötigen Investitionen vornehmen, um auch größere Unternehmen zu prüfen.

Eine Reduktion der Marktkonzentration ist auch essenziell, um das Risiko von Bilanzskandalen zu senken. So muss der Fall Wirecard zum Anlass genommen werden, die Marktstruktur bei der Prüfung großer Unternehmen grundlegend zu verändern. Damit können höhere Transparenz und mehr Qualität durch einen stärkeren Wettbewerb erreicht und das Vertrauen in die Märkte kann wiederhergestellt werden.

Angesichts der hohen Marktkonzentration würde auch der Zusammenbruch einer Big-Four-Gesellschaft den Markt empfindlich stören. Die fehlende Auswahl macht die Big Four zu „systemrelevanten“ Akteuren, was es der Politik schon heute schwierig macht, Fehlverhalten angemessen zu sanktionieren. Angesichts dessen muss die Einführung von Joint Audits dringend intensiv geprüft werden, da sie den Eintritt weiterer Akteure in den Prüfungsmarkt ermöglichen.

Mehr Innovation und Investitionen durch Joint Audit

Joint Audits sind eine in der Praxis erprobte Maßnahme, mit der bestehende Markteintrittsbarrieren für Mid-Tier-Prüfungsgesellschaften wie die Next Six überwunden werden können. Denn Joint Audits erleichtern neuen Marktteilnehmern den Markteintritt für Abschlussprüfungen von großen multinationalen Konzernen und regen den Wettbewerb zwischen einer größeren Anzahl von Prüfungsgesellschaften an.

Zudem kann durch das Vier-Augen-Prinzip unmittelbar mehr Prüfungsqualität hergestellt werden. Die wechselseitige Begutachtung der beteiligten Prüfer (Cross-Reviews) führt auch zu mehr Unabhängigkeit der Prüfer.

Ein vielfältigerer Markt löst bei neuen Wettbewerbern insgesamt mehr Innovationen im Bereich der Abschlussprüfung und damit eine bessere Reaktion auf die Marktbedürfnisse aus. Auf diese Weise kann dauerhaft sichergestellt werden, dass ausreichend qualifizierte Prüfungsgesellschaften zur Verfügung stehen und Unternehmen mehr Auswahl haben.

Die Einführung von Joint Audits dürfte insgesamt den Schub auslösen, der erforderlich ist, um ein Henne-Ei-Problem zu lösen: Die Aussicht auf eine stärkere Öffnung des Marktes erlaubt kleinen und mittleren Prüfungsgesellschaften Investitionen in ihre Kapazitäten und Fähigkeiten zu tätigen, was wiederum die Wettbewerbssituation stärkt.

In Deutschland, in Frankreich und in der EU stehen Joint Audits wieder ganz oben auf der Reform-Agenda

Im Hinblick auf die Reduzierung der Marktkonzentration hat die EU-Reform von 2014 ihre Ziele bei Weitem nicht erreicht. Zwar wurde mit dem FISG eine verpflichtende Einführung von Joint Audits noch nicht umgesetzt, aber der deutsche Gesetzgeber wird im Rahmen von FISG II nochmals prüfen, inwieweit Joint Audits die Marktvielfalt verbessern können. So wurde es im Rahmentext zum FISG explizit verankert.

Auf EU-Ebene kommt ebenfalls einiges in Bewegung: Die EU will nun bis Ende des Jahres 2022 einen Vorschlag zur Reform der Unternehmensberichterstattung machen, bei dem das Thema Joint Audit auch auf der Agenda steht (EU sieht Wirecard als Weckruf für mögliche Audit Reform).

Auch die französische Aufsichtsbehörde für Abschlussprüfer und Prüfungsgesellschaften, der Haut Conseil du Commissariat aux Comptes (kurz H3C), hat sich zu den Plänen der EU zu Wort gemeldet. In einem Schreiben an EU-Kommissarin Mairead McGuinness fordert der H3C u. a., auf EU-Ebene Joint Audits für bestimmte Unternehmen verpflichtend einzuführen. Der H3C begründet darin, warum obligatorische Joint Audits dazu beitragen würden, das Marktangebot und seine Vielfalt ebenso zu verbessern, wie dies bereits auf dem französischen Markt zu beobachten ist.

Takeaways

Wir werden mit Spannung die aktuellen Entwicklungen weiterverfolgen. Bis dahin behalten wir drei Takeaways im Hinterkopf:

  1. Joint Audits stimulieren den Wettbewerb zwischen Prüfungsgesellschaften. Das fördert Innovation und führt zu einer besseren Reaktion auf die Marktbedürfnisse.
  2. Durch Joint Audits wird es Wettbewerbern ermöglicht, Zugang zum Prüfermarkt für große multinationale Unternehmen zu bekommen und sich mit ihnen zu entwickeln.
  3. Joint Audits können das Risiko minimieren, dass die Marktkonzentration weiter zunimmt und die Big Four zu Big Three werden.

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