Wirtschaftsprüfung weltweit: Vier gewinnt

Reform & Debatte

Es ist kein Geheimnis, dass die Wirtschaftsprüfungsbranche in Deutschland und Europa stark von den vier größten Anbietern, den sog. „Big 4“, dominiert wird. Doch dieses Phänomen geht über die Grenzen Europas hinaus. Der Markt ist weit davon entfernt, sich selbst zu regulieren und den Vorsprung schmelzen zu lassen. Eine Bestandsaufnahme.

Marktkonzentration als globales Phänomen

Das International Accounting Bulletin (IAB), ein renommiertes Fachmagazin für Rechnungslegung, hat die Daten des internationalen Wirtschaftsprüfungsmarkts erhoben. Für den „World Survey 2021“ wurden insbesondere die Umsätze von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sowie deren Personalzahlen in den Jahren 2019 und 2020 ermittelt. Die Auswertungen dieser Daten resultierten in verschiedenen Ranglisten der größten 29 (Big 4 und Next 25) Wirtschaftsprüfungsnetzwerke weltweit.

Die ersten vier Plätze sind – wie nicht anders zu erwarten – von den Big 4 besetzt. Sie vereinen fast 75% der weltweiten Gesamtumsatzerlöse der Branche auf sich. Die „kleinste“ Big 4-Gesellschaft KPMG hat global betrachtet knapp 19 Mrd. € mehr Umsätze als die „größte“ Next 25-Gesellschaft BDO. Zwischen den Big 4 und den Next 25 liegen Welten, nicht nur in Europa und Amerika, den alteingesessenen Prüfermärkten. Auch in den aufstrebenden Märkten des asiatisch-pazifischen Raums, wo Wirtschaft und Prüfung gleichermaßen wachsen, beträgt der Anteil der Big 4 an den Gesamtumsatzerlösen rund 74%. Die Big 4 scheinen ihre Vormachtstellung auf neue Regionen übertragen zu können.

Herausforderung Globalisierung: die Bedeutung von Netzwerken und Allianzen

Doch warum sind die Big 4 auch in neu zu erobernden Märkten wieder unangefochtene Spitzenreiter? Sie können sich auf aufstrebende Wirtschaftsregionen stärker fokussieren, weil sie ihre Stellung in den etablierten Märkten bereits sicher haben. Die Big 4 verfügen über so große Netzwerke, dass sie fast in jedem Land der Welt vertreten sind. Weltweit vereinen sie knapp 70% aller Mitarbeiter*innen der Branche auf sich.

Auch wenn die Next 25 häufig mit anderen Vorzügen bei ihren Mandant*innen punkten, rein zahlenmäßig können sie derzeit einfach nicht mithalten. Untätig bleiben sie trotzdem nicht. Der Erfolg versprechendste Weg, um den Wünschen ihrer Mandant*innen entgegenzukommen, besteht darin, Allianzen zu bilden. Dabei arbeiten zwei (oder mehrere) Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zusammen. Sie kooperieren miteinander, um voneinander – z. B. von anderen Schwerpunkten oder anderen örtlichen Niederlassungen – zu profitieren. So ist Mazars, die aktuelle Nummer acht in Deutschland, nicht nur im eigenen globalen Mazars-Verbund organisiert, sondern zusätzlich Mitglied bei Praxity, der laut IAB umsatzstärksten Allianz weltweit.

Bei den Next 25 sind fast 60% der globalen Umsätze solchen Allianzen zuzuordnen. Das heißt, die Mehrheit der Umsätze der Next 25 entfällt nicht auf „Einzelkämpfer“, sondern auf Kooperationen zwischen mehreren Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Tendenz stagnierend. Warum? Weil Allianzen eben kein vollständiges Gegengewicht zu engeren Netzwerkformen von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (Netzwerke der Big 4, Mazars-Verbund oder andere) bilden können.

Netzwerke sind das rechtliche Dach über selbstständigen nationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Sie stellen einen gemeinsamen rechtlichen Rahmen dar und können damit z. B. dafür sorgen, dass strategische Entscheidungen und Weiterentwicklungen in der Berufsorganisation im gesamten Netzwerk umgesetzt werden. Für die Abwicklung von Abschlussprüfungen im Rahmen des Netzwerks hat dies große Vorteile: Die Prüfer*innen greifen weltweit meist auf dieselbe Prüfungssoftware zu. Dokumentationserfordernisse sind einheitlich. Für Konzernprüfer*innen ist es insgesamt leichter, sich auf die Ergebnisse der Teilbereichsprüfer*innen zu verlassen, wenn sie aus demselben Netzwerk kommen.

In Allianzen ist das etwas anders. Allianzen sind ein loserer Verbund unterschiedlicher Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder Netzwerke. Aber auch unter diesen Gegebenheiten kann eine internationale Konzernprüfung erfolgreich und mit einer hohen Qualität abgewickelt werden. Nur der Weg dorthin mag etwas aufwendiger sein – und das entwickelt sich nicht zuletzt im Angebotsprozess zu einem Nachteil für Allianzen. Mit dem Schmieden von Allianzen allein werden die Next 25 die globale Marktmacht der Big 4 also nicht brechen können.

Zusätzlicher Stolperstein: die Personalausstattung

Und dann gibt es da noch ein ganz anderes Problem: Es fällt immer schwerer, qualifiziertes Personal zu finden. Vergleicht man auf den etablierten Märkten (Amerika und Europa) das Umsatzwachstum von 2019 auf 2020 jeweils mit dem gleichzeitigen Mitarbeiterwachstum, fällt Folgendes auf: Bei den Big 4 ist die Mitarbeiterzahl 2020 prozentual stärker gewachsen als der Umsatz. Bei den Next 25 nicht. Dies könnte nicht nur auf eine gestiegene Produktivität je Mitarbeiter*in infolge neuer Prüfungstechnologien und Investitionen in die Personalentwicklung zurückzuführen sein. Auch der Fachkräftemangel dürfte sich hier niedergeschlagen haben.

Vor diesem Hintergrund wird es wohl für alle Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Netzwerke in Zukunft noch schwieriger werden, neue Mitarbeiter*innen zu gewinnen, um den Wachstumskurs fortzusetzen. Auch hier bleiben die Next 25 natürlich nicht untätig: Die Mitarbeitermarken werden gestärkt, das Recruiting auch mithilfe von Personalberatungen vorangetrieben, Investitionen in die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeiter*innen getätigt. Fraglich bleibt, ob und wie schnell damit die Lücke zu den Big 4 geschlossen werden kann, die für sich angesichts des allgemeinen demografischen Wandels die gleichen Ansatzpunkte verfolgen.

Big 4 suchen Personal für Big Data

Die Nase vorn oder vielleicht sogar den richtigen Riecher haben die Big 4 auch bei der Ausschreibung von technisch versiertem Personal, zeigt eine vom IAB im „World Survey 2022“ veröffentlichte Analyse der Job-Datenbank GlobalData. Demnach hatten 14,8% der 2021 von den Big 4 veröffentlichten Jobs einen Bezug zu Big Data und Digitalisierung. 2020 lag diese Quote noch bei 3,5%. Längst hat die digitale Transformation auch die Wirtschaftsprüfung erfasst: Mit der Automatisierung der Prüfungsprozesse und der stärkeren Ausrichtung auf Künstliche Intelligenz werden alltägliche Verwaltungsaufgaben abgeschafft. Gefragt sind Mitarbeiter*innen mit einem breiten Spektrum an technologischen Skills – nicht nur für die Wirtschaftsprüfung, sondern auch für das lukrative Beratungsgeschäft.

Ein Plädoyer für Marktvielfalt!

Insgesamt darf wohl nicht darauf gehofft werden, dass sich in der Wirtschaftsprüfungsbranche die Anbietervielfalt durch allgemeine Marktmechanismen von selbst erhöht. Den Next 25 stehen schlichtweg nicht genügend Instrumente zur Verfügung, um den großen Abstand, der zu den Big 4 bereits vorhanden ist, zu schließen. Dies gilt noch einmal in besonderem Maße für die Situation in bestimmten Marktbereichen, allen voran dem PIE-Prüfungsmarkt. Hier wird die Marktvielfalt durch weitere Hürden, z. B. strenge regulatorische Anforderungen zur Auftragsdurchführung, die aus anderen Gesichtspunkten durchaus sinnvoll sind, noch weiter eingeschränkt (vgl. Studie „Funktionsdefizite auf dem Wirtschaftsprüfungsmarkt“).

Konkurrenz belebt das Geschäft, heißt es bekanntlich. Das gilt wahrscheinlich für alle Branchen. Wettbewerb steigert die Qualität der angebotenen Dienstleistungen, die über die gesetzlichen Anforderungen hinausgeht. Wettbewerb senkt auch die Preise für Nachfrager. Es bleibt daher zu hoffen, dass die Politik Strukturen schafft, die die Spielregeln verändern – damit alle Anbieter*innen eine wirkliche Chance bekommen, zu einer für alle positiven Marktentwicklung beizutragen.

Der „World Survey 2021“ und der „World Survey 2022“ können direkt über das Magazin International Accounting Bulletin bezogen werden.

Für weitere Themen rund um die Wirtschaftsprüfung und Mazars folgen Sie uns auch auf LinkedIn, Twitter und XING.

Kommentare

Antwort

Ihre E-Mail Adresse wid nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert*.