Zwischen vorläufigen Zahlen und festen Fristen – Herausforderungen der Abschlussprüfung

Werte & Vision
2. Juni 2026

Zwischen laufender Abschlusserstellung, komplexen Transaktionen abseits des laufenden Geschäfts und einem Lagebericht, der zugleich informieren und überzeugen soll, entsteht jedes Jahr ein Spannungsfeld. Im Interview beleuchtet Patrick Riedel typische Herausforderungen der Abschlussprüfung – und zeigt, warum sie selbst gut organisierte Unternehmen regelmäßig aufs Neue fordern.

Herr Riedel, woran merken Sie in der Prüfungszeit, dass ein Unternehmen noch mitten im Abschluss steckt – und was folgt daraus für die Zusammenarbeit?

Ob ein Abschluss schon steht, merkt man meistens sehr schnell. Unterlagen liegen vor, sind aber noch nicht endgültig. Zahlen verändern sich von Woche zu Woche. Abstimmungen laufen weiter. Manche Fragen werden dann auch schon mal mit „Wir sind dran“ beantwortet.

Gerade bei komplexen oder sehr dynamischen Unternehmen gehört es zur Realität des Abschlussprozesses, dass zu Beginn der Prüfung noch nicht jedes Thema abschließend geklärt ist.

Für die Zusammenarbeit heißt das: Wir brauchen Transparenz, Priorisierung und laufenden Austausch. Wenn das Management klar sagt, welche Themen noch nicht final sind und wann mit Entscheidungen zu rechnen ist, können wir unsere Prüfungshandlungen darauf ausrichten. Dann lassen sich offene Punkte bewusst abgrenzen, Abhängigkeiten erkennen und die nächsten Schritte sauber planen.

Was passiert, wenn sich größere Transaktionen oder Sondersachverhalte mit der Abschlusserstellung und Prüfung überschneiden?

Im Unternehmen selbst laufen solche Prozesse oft parallel zum Tagesgeschäft.. Das operative Geschäft geht weiter, während Verträge, Bewertungen, Annahmen und Abstimmungen noch entstehen. Ein Beispiel sind Unternehmenserwerbe. Solche Prozesse kommen in vielen Unternehmen nicht regelmäßig vor und laufen oft zusätzlich zum Tagesgeschäft. Häufig sind mehrere Berater*innen eingebunden. Informationen liegen vielleicht nicht von Anfang an vollständig vor. Bewertungen werden geschärft, Annahmen weiterentwickelt und Abstimmungsrunden nehmen zu.

Für uns als Abschlussprüfer*innen bedeutet das: zuhören, einordnen und die richtigen Fragen stellen. Wir erleben oft, dass das Management das Tagesgeschäft sehr gut im Griff hat, bei Sondersachverhalten wie einem Unternehmenserwerb aber selbst noch im Klärungsprozess ist. Genau deshalb ist Transparenz so wichtig. Wenn klar ist, wo das Unternehmen steht, welche Annahmen getroffen wurden und welche Punkte noch offen sind, können wir das im Rahmen der Prüfung entsprechend einordnen.

Am liebsten betreuen wir solche Sondersachverhalte auch direkt, wenn sie aufkommen, also unterjährig, um für beide Seiten Überraschungen zu vermeiden und damit am Jahresende nicht zu viel auf einmal kommt. Durch eine frühzeitige Abstimmung lassen sich selbst komplexe Transaktionen effizient lösen.

Der Lagebericht ist oft ein Punkt, an dem sich die Perspektiven besonders unterscheiden. Warum ist dieser Teil der Prüfung so sensibel?

Der Lagebericht ist häufig der Teil der Prüfung, in dem die Unternehmensperspektive besonders sichtbar auf die Prüfungslogik trifft. Unternehmen wollen erklären, einordnen und zeigen, was gut läuft: Strategie, Chancen, Zukunftsfähigkeit. Das ist nachvollziehbar. Unsere Aufgabe ist es aber, diese Darstellung an der wirtschaftlichen Lage, den Zahlen und den bekannten Risiken zu messen – auch mit Blick auf das Branchenumfeld.

Es geht nicht darum, positive Aussagen zu vermeiden, sondern sie belastbar zu machen. Wenn Chancen betont werden, müssen Risiken ebenfalls sauber beschrieben sein. Ein Beispiel wäre hier ein Unternehmen, das im Lagebericht ein deutliches Umsatzwachstum für das kommende Jahr in Aussicht stellt. Eine solche Aussage braucht eine realistische Grundlage: etwa nachvollziehbare Planungsannahmen, eine erkennbare Entwicklung im Auftragsbestand oder konkrete Maßnahmen, aus denen sich das Ziel ableiten lässt. Wenn dagegen nur allgemein auf „positive Markterwartungen“ verwiesen wird, ohne dass die Zahlen, Risiken und Annahmen dazu passen, wird die Aussage prüferisch schwierig.

Zu den besten Ergebnissen kommen wir dann, wenn beide Seiten offen und sachlich auf Augenhöhe arbeiten: das Unternehmen mit seiner Perspektive auf Strategie und Geschäftsentwicklung, wir mit dem Blick auf Konsistenz, Nachvollziehbarkeit und Dokumentation.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen unabhängig von Branche und Unternehmensgröße immer wieder?

Eine der konstantesten Herausforderungen ist der Zeitdruck in der Abschlussphase. Viele Unternehmen sind fachlich gut aufgestellt. Aber wenn die Abschlusserstellung, operative Themen und häufig auch Sondersachverhalte parallel laufen, werden Entscheidungen manchmal spät getroffen, und einzelne Themen entwickeln sich bis kurz vor Schluss weiter. Für alle Beteiligten ist das anspruchsvoll.

Eine zweite Herausforderung ist die zunehmende Komplexität. Transaktionen, Finanzierungsstrukturen, neue Rechnungslegungsanforderungen und regulatorische Erwartungen erhöhen den Abstimmungsbedarf – besonders, wenn sich Rahmenbedingungen schnell verändern. Das verlangt Fachlichkeit, aber auch pragmatische Lösungen.

Und zuletzt: Kommunikation. Sie entscheidet häufig darüber, ob eine Prüfung strukturiert läuft. Wenn etwas lange liegen bleibt, verzögert sich die Lösungsfindung. Ein fortlaufender Prüfungsansatz (Continuous Audit) kann helfen, Themen abzudecken, sobald sie aufkommen – und die Belastung zum Abschlussstichtag zu reduzieren.

Herr Riedel, vielen Dank für das Gespräch.

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