Vom Hörsaal ins Audit: Welches Studium bringt die meisten Vorteile für die Wirtschaftsprüfung?

Werte & Vision
8. September 2026

Für eine Karriere in der Wirtschaftsprüfung ist ein BWL-Abschluss hilfreich, aber keine zwingende Voraussetzung. Auch andere Studiengänge wie Wirtschaftsinformatik, Jura, VWL, Mathematik, Statistik und Ingenieurwissenschaften können eine gute Grundlage für den Beruf bieten. Entscheidend sind vor allem analytische Fähigkeiten, Lernbereitschaft und Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, erklären Georg Becker und Heiko Wittig, beide Partner und Wirtschaftsprüfer bei Forvis Mazars.

Kann man ohne BWL-Studium Wirtschaftsprüfer*in werden?

Georg Becker: Ja – ein betriebswirtschaftliches Grundverständnis hilft natürlich, ist aber keine Voraussetzung. Wir prüfen schließlich nicht nur einzelne Bilanzpositionen, sondern müssen verstehen, wie Unternehmen funktionieren, welche Prozesse dahinterstehen und wie Kontrollen aufgebaut sind.

Aber daraus zu schließen, dass nur BWL-Absolvent*innen auch Wirtschaftsprüfer*innen werden können, halte ich für falsch. Vieles, was man wissen muss, lernt man erst in der Tiefe im Beruf. Wer wissenschaftlich arbeiten kann, analytisch denkt und bereit ist, sich in neue Themen einzuarbeiten, bringt bereits wichtige Voraussetzungen mit. Das gilt auch für Absolvent*innen anderer Studiengänge, wie Ingenieurswissenschaften, Jura, VWL, Mathematik oder Wirtschaftsinformatik. Ich habe in den vergangenen Jahren mit Kolleg*innen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen gearbeitet. Manche hatten mit Rechnungswesen vor ihrem Einstieg kaum Berührungspunkte und haben trotzdem schnell Fuß gefasst. Wichtig sind die Motivation und der Lernwille.

Heiko Wittig: BWL ist der klassische und wahrscheinlich naheliegendste Einstieg. Wer Bilanzierung, Rechnungswesen und betriebswirtschaftliche Zusammenhänge schon aus dem Studium kennt, hat es am Anfang leichter. Wer hingegen beim Berufseinstieg in die Wirtschaftsprüfung nicht weiß, was ein Buchungssatz ist, tut sich am Anfang schwerer.

Man muss jedoch sehen: Unterschiedliche Studiengänge bringen unterschiedliche Stärken hervor. BWL-Absolvent*innen punkten mit Kenntnissen in Bilanzierung und anderen wichtigen Disziplinen, Jurist*innen bei der Analyse komplexer Sachverhalte und vertraglicher Regelungen. Wirtschaftsinformatiker*innen bringen technisches Verständnis mit, Mathematiker*innen analytische Fähigkeiten. Wichtig sind vor allem zwei Dinge: Lernwille, um Fachwissen aufzubauen, und die Fähigkeit, Informationen miteinander zu verknüpfen, also Transferleistungen zu erbringen, Zusammenhänge zu erkennen und aus dem vorhandenen Wissen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Genau das macht gute Wirtschaftsprüfer*innen aus.

Wenn der Studiengang nicht allein entscheidet: Worauf achten Sie bei Bewerber*innen?

Georg Becker: Auf die Persönlichkeit. Teamfähigkeit steht bei mir ganz weit oben auf der Prioritätenliste, außerdem Offenheit und Lernbereitschaft. Wirtschaftsprüfung ist Teamarbeit. Wir arbeiten gemeinsam im Büro oder direkt bei unseren Mandanten. Deshalb muss jemand nicht nur fachlich gut sein, sondern auch zuhören, Fragen stellen und sich in eine Gruppe einbringen können.

Wir haben beispielsweise eine Kollegin eingestellt, die zuvor im Research- und Statistikbereich gearbeitet hatte und nebenbei Boxtrainerin war. Mit Jahresabschlüssen und Rechnungswesen hatte sie zuvor kaum zu tun. Trotzdem ist sie sehr erfolgreich gestartet. Warum? Weil sie diszipliniert gearbeitet hat, offen war, Fragen gestellt hat und sich generell schnell in neue Themen einarbeiten kann. Das zeigt: Der Lebenslauf muss nicht dem klassischen Muster entsprechen.

Heiko Wittig: Ich würde sogar sagen: Soft Skills lassen sich deutlich schwerer lernen als Fachwissen. Eine Bilanz kann ich erklären, einen Buchungssatz kann ich beibringen. Aber kann jemand zuhören? Tritt die Person professionell auf? Hinterfragt sie Informationen? Versteht sie, wie verschiedene Themen zusammenhängen? Das lässt sich nicht so schnell in einem Seminar oder einem Workshop vermitteln. Genau deshalb sind diese Fähigkeiten für mich oft wertvoller als reines Fachwissen.

Sind Soft Skills heute wichtiger als früher?

Georg Becker: Sie waren natürlich schon immer wichtig. Aber viele Berufseinsteiger*innen kommen heute schneller von der Hochschule in den Beruf. Früher haben Student*innen, etwa bei Diplom- oder Magisterstudiengängen, oft deutlich länger studiert als heute im Bachelor – und mehr Zeit gehabt, sich fachlich zu vertiefen oder praktische Erfahrungen zu sammeln. Deshalb achten wir bei der Auswahl unserer Bewerber*innen stärker darauf, wie jemand mit neuen Situationen umgeht. Kann die Person über das eigene Fachgebiet hinausdenken? Bleibt sie offen, wenn sie etwas noch nicht weiß? Diese Punkte sind besonders wichtig, weil neue Mitarbeiter*innen einen großen Teil des Fachwissens ohnehin erst im Beruf erwerben.

Heiko Wittig: Wer heute mit Anfang 20 ins Berufsleben startet, bringt oft nicht nur weniger Praxis-, sondern auch weniger Lebenserfahrung. Gerade diese Erfahrungen helfen aber häufig dabei, Sachverhalte kritisch zu hinterfragen. Wer bisher vor allem gelernt hat, Informationen abzurufen und für eine Prüfung wiederzugeben, muss den Transfer in die Praxis erst üben. Das ist kein Vorwurf an junge Menschen, sondern vor allem ein Auftrag an die Unternehmen: Sie müssen Berufseinsteiger*innen die Zeit und den Rahmen geben, diese Fähigkeiten zu entwickeln und Erfahrungen zu sammeln.

Wo erleben Sie bei Hochschulabsolvent*innen die größten fachlichen Defizite?

Georg Becker: In der Buchhaltung. Das ist tatsächlich meine ehrliche und kurze Antwort. Wir haben vor Kurzem eine Masterabsolventin eingestellt, die analytisch sehr stark war und zuvor im Bereich Unternehmensbewertungen gearbeitet hatte. Gleichzeitig hatte sie kaum Buchhaltungskenntnisse, die sie sich aber in einem Kurs angeeignet hat – und heute arbeitet sie erfolgreich in unserem Team.

Soll und Haben zu verstehen, klingt banal – ist es aber nicht. Dieses Fundament braucht man oder sollte man sich zeitnah aneignen, sonst wird der Einstieg in die Wirtschaftsprüfung unnötig schwer. Schließlich müssen die Berufseinsteiger*innen sich nicht nur damit befassen, sondern auch mit Prüfungssoftware, Dokumentation, neuen Technologien wie KI und vielen fachlichen Fragestellungen.

Heiko Wittig: Ich sehe das ähnlich. Mir fällt vor allem auf, dass viele Studiengänge sehr früh spezialisieren. Das ist nicht immer ideal. In der Wirtschaftsprüfung müssen wir Wissen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenführen, und dafür braucht man zuerst wirklich solide Grundlagen, damit man im zweiten Schritt spezielles Expertenwissen in einem kleineren Sachgebiet fundiert darauf aufbauen kann. Die Grundlagen sind Pflicht, eine Spezialisierung die Kür.

Braucht es in der Wirtschaftsprüfung denn Spezialist*innen?

Heiko Wittig: Absolut, denn es kann nicht jede Person im Team Fachwissen in allen Spezialbereichen haben. Wenn wir z. B. komplexe IT-Systeme prüfen, arbeiten wir auch mit IT-Prüfer*innen zusammen. Wirtschaftsprüfer*innen müssen verstehen, wie Zahlen entstehen und welche Auswirkungen ein System auf den Jahresabschluss hat. Die technische Tiefenanalyse übernehmen dann häufig Spezialist*innen. Wichtig ist, dass beide Seiten dieselbe Sprache sprechen und wissen, worauf es bei der Prüfung ankommt.

Welche Rolle spielen Informatik und KI künftig in der Wirtschaftsprüfung?

Georg Becker: Kenntnisse in Datenanalyse, Wirtschaftsinformatik und Künstlicher Intelligenz werden für die Wirtschaftsprüfung zunehmend wichtiger. Wie Heiko Wittig bereits angedeutet hat, beschäftigen wir unter anderem Mathematiker*innen, Informatiker*innen und andere Teammitglieder mit eher technischen Profilen. Ein Studium der Wirtschaftsinformatik verbindet betriebswirtschaftliche Kenntnisse mit IT-Kompetenzen und kann deshalb eine gute Grundlage für Tätigkeiten in der Wirtschaftsprüfung sein.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die sich noch unsicher sind, welches Studium sie wählen sollen?

Georg Becker: Nicht versuchen, mit 18 Jahren den kompletten Karriereplan festzulegen. Startet mit einem Studium, das euch interessiert. Lernt, wissenschaftlich zu arbeiten, sammelt Erfahrungen, und wenn euch dann die Wirtschaftsprüfung interessiert, macht ein Praktikum. Viele junge Menschen setzen sich heute schon früh enorm unter Druck, dabei haben sie noch ein ganzes Berufsleben vor sich. Man muss nicht mit Anfang 30 bereits jede Karrierestufe erreicht haben und zum Beispiel Partner eines Unternehmens sein. Wichtig ist, den passenden Weg für sich zu finden und sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.

Heiko Wittig: Ich würde ergänzen: Baut euch solide Grundlagen auf, bleibt neugierig und schaut euch den Beruf, für den ihr euch interessiert, in der Praxis an. Kein Studienführer und keine Hochschulbroschüre ersetzen ein Praktikum. Dort merkt man sehr schnell, ob einem die Aufgaben, die Menschen und die Unternehmenskultur gefallen. Und besonders Letzteres ist wichtig: Dass man sich innerhalb seines Teams wohlfühlt, ist ein nicht zu unterschätzender Faktor im Arbeitsleben.

Was macht unabhängig vom Studiengang einen erfolgreichen Start in die Wirtschaftsprüfung aus?

Heiko Wittig: Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke, Aufgeschlossenheit und die Bereitschaft, zuzuhören. Niemand erwartet, dass Berufseinsteiger*innen alles wissen. Aber sie sollten bereit sein, zu lernen und sich einzuarbeiten.

Georg Becker: Und sie sollten prüfen, ob das Unternehmen, bei dem sie sich beworben haben, auch zu ihnen passt. Soft Skills sind ja keine Einbahnstraße – die Atmosphäre im Team muss für beide Seiten passen. Viele Student*innen absolvieren ein Praktikum nach dem anderen, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen. Ich denke: Wenn das erste Praktikum Spaß macht, die Unternehmenskultur passt und die Zusammenarbeit im Team funktioniert, warum weitersuchen? Eine erfolgreiche Karriere beginnt nicht mit dem perfekten Studiengang oder dem optimalen Karriereplan nach Schema F, sondern dort, wo Menschen dazulernen wollen und vor allem das richtige Umfeld haben, um sich entwickeln zu können.

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Auf einen Blick: Welche Studiengänge eignen sich besonders für die Wirtschaftsprüfung?
  • BWL: starke Grundlagen in Rechnungswesen, Bilanzierung und Unternehmenssteuerung
  • VWL: Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, Märkte, Regulierung und gesamtwirtschaftliche Entwicklungen
  • Jura bzw. Wirtschaftsrecht: Stärken bei Verträgen, rechtlichen Fragestellungen und regulatorischen Themen
  • Wirtschaftsinformatik: Verbindung von Technologieverständnis und betriebswirtschaftlichem Know-how
  • Mathematik und Statistik: analytische und datengetriebene Kompetenzen
  • Ingenieurwissenschaften: ausgeprägtes Prozessverständnis sowie strukturierte Problemlösungsfähigkeiten

Jeder dieser Studiengänge vermittelt Kompetenzen, die in der Wirtschaftsprüfung gefragt sind. Entscheidend ist weniger die Fachrichtung selbst als die Fähigkeit, wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, komplexe Sachverhalte zu analysieren, sich in neue Themen einzuarbeiten und unterschiedliche Perspektiven miteinander zu verbinden.

FAQ

Ja. Ein BWL-Studium ist hilfreich, aber keine zwingende Voraussetzung für eine Karriere in der Wirtschaftsprüfung. Auch Absolvent*innen der VWL, Rechtswissenschaften, Wirtschaftsinformatik, Mathematik oder Ingenieurwissenschaften können erfolgreich in den Beruf einsteigen.

Den einen perfekten Studiengang gibt es nicht, aber BWL vermittelt wichtige Grundlagen in Rechnungswesen und Bilanzierung. Andere Fachrichtungen bringen jedoch ebenfalls Kompetenzen mit, die in der Wirtschaftsprüfung gefragt sind, etwa analytisches Denken, rechtliches Verständnis oder technisches Know-how.

Neben fachlichen Grundlagen zählen vor allem Lernbereitschaft, analytisches Denken, Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke sowie die Fähigkeit, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten und Zusammenhänge zu erkennen.

Beides ist wichtig. Fachwissen lässt sich im Beruf jedoch häufig schneller aufbauen als persönliche Kompetenzen wie Teamfähigkeit, professionelles Auftreten, kritisches Denken oder die Fähigkeit, aktiv zuzuhören.

Grundlegende Kenntnisse in Buchhaltung, Rechnungswesen und Bilanzierung sind besonders hilfreich. Wer versteht, wie Geschäftsvorfälle erfasst und Jahresabschlüsse erstellt werden, findet sich im Berufsalltag oft schneller zurecht.

Kenntnisse in Datenanalyse, Informationstechnologie und KI gewinnen zunehmend an Bedeutung. Deshalb können insbesondere Studiengänge wie Wirtschaftsinformatik, Informatik oder Mathematik eine wertvolle Grundlage für Tätigkeiten in der Wirtschaftsprüfung sein.

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